Unterwegs

Wann immer ich kann, gehe ich auf Reisen. Und schreibe - um Erlebtes nicht so schnell zu vergessen und einfach, weil es Spaß macht. Hier gibt's eine Auswahl meiner Texte - zum Fernweh-tanken!

Neue Melodien lernen

// Auroville, Indien. Schon drei Wochen Auroville. Und in drei Wochen sitzen wir im Flieger zurück nach Deutschland. Zurück in die “reale” Welt. Komisch: Wir sind nur drei Wochen hier, aber es fühlt sich viel, viel länger an. Noch drei Wochen, dann packen wir unsere Koffer - doch dieser Moment erscheint uns so weit weg wie Weihnachten nächstes Jahr. Welche Bedeutung hat Zeit?

Rhythmus, Takt und Melodien

Auroville ist schon verrückt. Lässt man sich auf ihren Rhythmus ein, verliert man jegliches Gefühl für Zeitabläufe außerhalb. Versucht man hier, mit demselben Takt, den man in der “wirklichen” Welt gelernt hat, Probleme zu lösen, werden diese nur noch größer. Hält man aber einen Moment lang inne und singt ihre Melodie einfach mit, dann klappt plötzlich alles - fast wie von allein. 


Wir haben also vor allem damit zu tun, neue Melodien zu erlernen. Aurovilles Melodien. Das bedeutet: Wir hören zu, wenn es nötig ist, einfach nur zuzuhören. Wir drehen einen ganzen Tag von morgens bis abends, wenn es sich gerade anbietet. Und wenn es gerade nichts zu tun gibt, dann üben wir uns in der Kunst des Nichtstuns - ohne dabei daran zu denken, was wir alles hätten tun können. 

Zeit ist Geld. Oder wie war das noch mal?

Gerade letzteres fällt uns unheimlich schwer. Haben wir doch in der Welt, aus der wir kommen, gelernt, möglichst effizient zu sein. Zeit ist Geld. Oder wie war das noch mal? Langsam merken wir, dass wir in Auroville sehr viel mehr lernen als einen Dokumentarfilm zu drehen. Und dass unser Blick, wenn wir nach Deutschland zurückkehren, ein anderer sein wird. 

Bilanz nach drei Wochen: Wir haben…

- unfertige Häuser mitten im Wald erklommen,

- selbst gebackene Schweizer Muffins unter einem Dach von Palmwedeln genossen,

- gelernt, dass der Bau eines Surfbretts kein Handwerk, sondern eine Kunst ist,

- gelernt, dass auch Nichtstun effizient sein kann,

- unsere Füße in den Golf von Bengalen gehalten,

- das erste Mal seit unserer Ankunft zehn Stunden am Stück geschlafen,

- einen ehemaligen Manager, der seiner Karriere im Westen den Rücken gekehrt hat, um sich jetzt in und um Auroville für Aufklärung in Sachen Müll und Recycling einzusetzen, überzeugt, bei unserem Film mitzumachen - obwohl er eigentlich gerade zu “busy” ist,

- Optimismus getankt, nachdem wir vergangene Woche mehrmals das Gefühl hatten, unser Projekt fährt gegen den nächsten Baum. 

Auroville = reale Welt?

// Auroville, Indien. Keine Politik, keine Religion, kein Besitz, kein Geld - das sind alles Ideale, die man in Auroville leben will. Was oft missverstanden wird: Wer “Auroville” googelt und sich durch bereits erschienene Artikel, Radiostücke und Dokumentationen arbeitet, bekommt schnell den Eindruck, als seien diese Ziele schon jetzt erreicht. 

Doch das stimmt nicht. Es gibt Geld in Auroville, wenn auch in virtueller Form. Religion soll zwar keine Rolle spielen, dennoch aber entdeckt man hier und da kleine hinduistische Schreine. Und überhaupt: Bilder der “Mutter” und Sri Aurobindos sind omnipräsent. Wann ist Spiritualität einfach nur Spiritualität, und wann wird sie zur Religion? 


“Besetzer” statt “Besitzer”


Auch ist man hier nicht “Besitzer” eines Hauses, sondern “Besetzer” - aber reicht das aus, sich komplett vom Bedürfnis, Dinge besitzen zu wollen, zu lösen? Und Politik: Es gibt keine politischen Parteien in Auroville, ja. Aber politische Prozesse finden trotzdem statt. 


Letzteres haben wir in dieser Woche am eigenen Leib erfahren. Wir hatten folgendes vor: Einen unserer Protagonisten bei einer Gemeindeversammlung filmen, bei der über die Zukunft Aurovilles diskutiert und beraten werden sollte. Zwei Tage lang war unklar, ob man uns überhaupt hineinlassen wollte. 


Misstrauen und Kontrollzwang


Nach zahlreichen Mails und höflichem Nachfragen am Telefon gewährte man uns dann schließlich Einlass - unter der Auflage, wirklich nur unseren Protagonisten zu filmen und nur vom Stativ vom Ende des Saals aus - und nach seiner Rede sofort zu verschwinden. 

Trotz der Beschränkungen freuten wir uns einen Ast - hatten wir doch die Aussicht, einen einmaligen und spannenden Einblick in politische Prozesse Aurovilles zu bekommen. 

Vor Ort machten wir dann aber eine ganz sonderbare Erfahrung. Von den einen wurden wir mit Neugier und Offenheit begrüßt - von anderen schlug uns eine Mischung aus Misstrauen und Kontrollzwang entgegen, dass wir uns schon beim Aufstellen der Kamera vorkamen wie Schwerverbrecher.  


Wovor hatte man solche Angst?


Wir fragen uns: Warum lässt man uns eine Veranstaltung filmen, wenn man das eigentlich gar nicht möchte? Und, vor allem: Wovor hatte man solche Angst? Denn die Versammlung war durchaus spannend und vorbildlich, vor allem für die Außenwelt. Weil: Absolut basisdemokratisch. Jeder durfte teilnehmen, jeder seine Meinung äußern - vom 15-jährigen Schüler bis hin zum 77-jährigen Ur-Aurovillianer. Warum sich damit verstecken?

Wir merken: Nur weil Auroville nach hohen Idealen strebt, heißt das nicht, dass hier alles “heile Welt” ist. Machtstrukturen, politische Interessen und Besitzdenken gibt es auch hier. Aber vielleicht ist schon die Absicht, dass man sich von alledem befreien will, ein bedeutender Schritt - den man nicht unterschätzen und vor allem wertschätzen sollte. 


Bilanz nach vier Woche Auroville: Wir haben


- gelernt, dass Auroville gar nicht so anders ist als die “Welt da draußen”

- Pirat gespielt und Goldschätze ausgegraben (Christoph) und sich doch mal als Fahrerin auf die TVS (Moped) getraut (Nora)

- wunderschöne Abendszenen am Strand und am Matrimandir gefilmt

- eine erste Protagonistin “abgedreht”, yay!

- erstmals realisiert, dass wir bald schon wieder nach Hause fliegen, aber noch sooo viel drehen müssen: Bloß keine Panik!

Das beste Soft-Eis in Saguenay


// Kanada, Québec. Es gibt eigentlich keinen Grund, einen Blogeintrag über Saint-Honoré zu schreiben. Das 5000-Seelen-Kaff besteht – ganz nordamerikatypisch – aus einer Hausansammlung rund um die Landstraße ins zehn Autominuten entfernte Chicoutimi.


Wahrscheinlich würden Bewohner des Nachbardorfes Saint-David-de-Falardeau so schnell wie möglich hindurchfahren, um nach  Chicoutimi zu kommen. Dort immerhin gibt es mehrere Straßen, Restaurants und zivilisationsverheißende Shopping-Malls. Nun aber gehört die “Crème Molle”, frankokanadisches Softeis, zu einer beliebten Nachspeise nach dem sonntäglichen Steak. Und in Saint-Honoré gibt es den besten Crème-Molle-Laden – den besten in der Region Saguenay, ja gar den besten in ganz Québec, wie viele sagen.

Und tatsächlich – wann auch immer wir durch Saint-Honoré hindurch nach Chicoutimi fahren, es steht immer eine Softeis-hungrige Menschenschlange vor der “Bar Laitier Arc en Ciel”. Québecs beste Crème Molle? Das schreit nach einem Selbstversuch! An diesem Abend geht die Sonne langsam hinter den mit weiß angestrichenem Holz vertäfelten Häusern unter. Es sind nur ein paar Wolken am Himmel. Ich schieße ein paar Touristenfotos von der Landstraße und dem Crème-Molle-Laden. Irgendwie ist es romantisch hier, in diesem gottverdammten Kaff. Der kanadische Himmel sieht noch viel größer aus als daheim in Berlin.

Für die beste Crème Molle in Saguenay muss man Schlange stehen


Er habe seine  “Bar Laitier” vor 28 Jahren gebaut, erzählt der Besitzer, ein stämmiger, kleiner Mann um die 50. Er ist sichtlich stolz. “Vorher war hier nichts, nur die Landstraße.” Mit ihm schuften sein Sohn und eine junge Angestellte in dem geschätzt acht Quadratmeter großen Kabuff. Eine Familie kommt – die Kleinen quängeln. Dieses Mal wollen sie aber eine ganz große Crème Molle. Mit Kirschglasur und Zuckerperlen.


Ich bestelle eine Schokoladen-Crème-Molle mit Ahornsirup-Glasur. Wenn schon, dann aber denn schon. Auf Kalorien und auf einen drohenden Bauch-Schwimmring, der sich, wenn ich so weitermache, mit Sicherheit ankündigen wird, noch bevor mein Kanada-Urlaub zu Ende ist, achte ich jetzt mal nicht. Auswählen kann man hier unter den unterschiedlichsten Softeisgrößen und -glasuren: Vanille, Schoko, Erdbeer, Kirsch, Ahornsirup. Ich beiße in die süße Ahornkruste und schmecke sofort die kalte, sahnige, schokoladige Verführung. Hmmm. Das muss wohl der Crème-Molle-Himmel sein.


Ein paar Tage später machen wir Halt an einer anderen Softeisbude irgendwo in Chicoutimi. Der Vergleich muss her – habe ich doch seit meinem Softeis-Delirium in Saint-Honoré extrem hohe Ansprüche. Hier kann man nur zwischen Schokoladenglasur und Schokoladenglasur wählen. Dafür gibt es neben Crème Molle auch Mango- und Himbeersorbet. Na ja, das kann ich auch in Berlin-Prenzlauer Berg haben. Ich bestelle eine kleines Softeis. Probiere. Bin enttäuscht. Es stimmt: Das Softeis von Saint-Honoré ist wirklich das Beste in Saguenay. 

Auf welcher Insel liegt das Paradies?

// Thailand. Insel-Hopping: Koh Sukorn, Koh Libong und Koh Kradang in einer Woche. Die Mission: Wo gibt es den feinsten Sandstrand, das tuerkiseste Meer, die gruensten Palmen, die wenigsten Touristen und die nettesten Menschen?

Es gibt keine Gewinnerin – alle drei Inseln sind bezaubernd schoen, jede auf ihre Weise. Das erste Paradies finde ich aber auf Koh Sukorn, die suedlichste der Inseln in der thailaendischen Provinz Trang. Laut Lonely Planet heisst “Sukorn” Schwein, irgendwie ironisch, da doch eine muslimische Gemeinde die Insel ihr Zuhause nennt. Auf dem Weg dorthin treffe ich ein finnisches Paerchen und wir sind die einzigen neuen Touristen an diesem Tag. Zwischen Plastiktueten, abgewetzten Kisten und laechelnden Thais werden wir auf ein kleines, bunt angemaltes Longtail-Boot verfrachtet, und schippern gemaechlich gen Westen, gerade auf die Insel zu. Ein hoeflicher Taxifahrer bringt uns auf einem abenteuerlichen Gestell, welches er an sein klappriges Motorrad gebastelt hat, in unsere Herberge – eine Oase aus Holzhuetten, Palmen, Grillen, quakenden Froeschen und Wasserbueffeln auf dem gegenueberliegenden Feld. Beim Abendessen schauen wir direkt auf das Meer und die Sonne versinkt darin. Den Strand haben wir fast fuer uns allein.

Tagsueber lesen wir Liebesromane und beobachten die Krebse am Strand. Ich lerne mehr Finnisch als Thai. Das Dorf ist noch so wenig an Touristen gewoehnt, das jeder Fremde auf der Strasse aufmerksam beobachtet und gegruesst wird. Das Leben ist gemaechlich und selbst die Hunde lassen sich bei Ueberqueren der Strassen Zeit. Als ich einen Moment stehen bleibe und ein wenig ratlos in meinem Rucksack krame, spricht mich eine junge Frau an. Sie kann kaum Englisch, nimmt mich aber kurzerhand auf ihrem Motorrad mit, zeigt mir stolz ihre 11-Monate-alte Tochter, ihr Haus, dann die ganze Insel. Am Nachmittag verabschieden wir uns und sie schuettelt den Kopf, als ich ihr etwas zu Trinken kaufen will. Ob es in Deutschland gerade schneit, will sie wissen.

So fliessen die Tage dahin. Abends schluepfe ich um zehn unter mein Moskitonetz und wache am naechsten Morgen um acht auf, hellwach. Koh Libong ist groesser, irgendwie wilder als Sukorn. Das Wasser ist klar und die Straende sind golden. Die Finnin nimmt mich mit auf eine Schnorcheltour, und so fuehle ich mich einen Tag lang wie ein grosser, weisser Wal in einem Riesen-Aquarium. Die Welt unter Wasser ist so viel bunter. Es sieht genauso aus wie im Film “Findet Nemo”. Mittags machen wir Rast auf Koh Kradang, ebenfalls eine der gefuehlt hundert Inseln im Andamanen-Meer. Es gibt Fried Rice in Styropor-Behaeltern, der Steuermann haelt ein Nickerchen auf dem Bug seines Bootes. Waehrend ich esse, bohren sich meine Fuesse tief in den weissen Sand. Irgendwo faellt eine Kokosnuss ins Wasser. Es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis sich auch hier Resort an Resort reiht. Und die Touristen kommen.

Seit gestern abend bin ich in Langkawi, Malaysia. Die Insel ist gross, und ein beliebtes Urlaubsziel sowohl bei Europaeern als auch Asiaten. Es gibt Hotels statt Bambushuetten und Pizza statt Pad Thai. Ein braungebrannter Malaysier im Bob-Marley-T-Shirt gruesste mich vorhin am Strand mit den Worten: “Hello, Miss. Welcome to Paradise!” Das Paradies aber habe ich schon woanders gefunden. 

Mamma Mia in Bangkok

// Bangkok, Thailand. Wie kommt man zu seiner ersten, richtigen Thailand-Erfahrung? Richtig: Man bleibt vier Tage lang bei einer Thai-Familie in Bangkok.

Dank erfolgreicher Vermittlungskuenste eines Singapurer Freundes lernte ich fuer eine kurze Zeit echten thailaendischen Alltag kennen – Neujahrsstress, Verstaendnisprobleme, scharfe Suppe mit fettigem Fleisch zum Fruehstueck und Gastfreundschaft hoch drei inklusive.

Wie ich dabei Bangkok erlebt habe? Vermutlich durch die eingefaerbte Brille einer behueteten Touristin, die von ihren Gastgebern, thailaendische Mittelklasse, behandelt wurde wie die Koenigin von Siam. Trotz der vielen Arbeit im familieneigenen Drucker-Geschaeft liess man mich keine Sekunde aus den Augen – ich wurde im klimatisierten Toyota durch halb Bangkok und bis nach Ayutthaya kutschiert, sah dabei in der Sonne funkelnde, riesige Tempel, den dreckigen Chao Phraya Fluss; trank die kalte Milch einer gerade aufgeschlagenen Kokusnuss und bewunderte die alten Ruinen der einstigen Hauptstadt Thailands bei Sonnenuntergang. Die rostigen Wellblechhuetten, die an den Betonwaenden in der Naehe des Bahnhofs klebten, immernoch halb ueberschwemmt vom Hochwasser der vergangenen Monate, bemerkte ich erst bei meiner Weiterfahrt mit dem Zug nach Trang.

Vom Auto aus flitzten die engen Gassen Chinatowns, das Gewusel in den Strassen, die suesslich-schweren Gerueche, der Muell in den Hinterhoefen, das Vibrieren Bangkoks viel zu schnell an mir vorbei.  Und damit ich mich bei all den fremden Eindruecken etwas heimischer fuehle, toente vorrangig Abba aus dem Autoradio. Bangkok-Sightseeing, untermalt mit Mamma Mia: Etwas Skurilleres haette ich mir in diesem Moment nicht vorstellen koennen.

Abends lies man mich dann saemtliche thailaendische Speisen probieren – mein schuechterner Hinweis, ich reagiere allergisch auf Schaerfe und esse weder Fisch noch Krabben oder Krebse,  nahm die Familie derart ernst, dass es von nun an nur noch Extrawuerste fuer mich gab: Pad Thai ohne Schrimps, Thai-Curry ohne Chili. Am letzten Tag machte mir der Sohn gar einen grossen Teller Spezial-Sushi: Mit Schinken und Senf anstatt rohem Fisch. “So esst ihr das in Deutschland doch”, sagte er. Ich bedankte mich mit hausgemachtem Apfelpfannekuchen, der erst kritisch beaeugt, dann aber begeistert verzehrt wurde.

Insofern war die Zeit in Bangkok vielleicht doch keine “richtige” Thailand-Erfahrung. Oder vielleicht doch? Laender haben viele verschiedene Gesichter. In Bangkok habe ich ein Gesicht von Thailand kennengelernt, eines von vielen. Und es war unbeschreiblich schoen! 20 Stunden und eine Nacht im Zug spaeter sitze ich in Trang, wartend auf die Faehre nach Koh Sukorn. Mit jeder Menge Bangkok-Erinnerungen im Herzen und einem Laecheln auf den Lippen. 

Lästerstunde

// Singapur. Heute ist Lästerstunde. Ein Freund sagte mir neulich mal: Du kannst ruhig öfter mal lästern. Das ist nicht schlimm und tut manchmal auch ganz gut.

Bevor ich aber loslege, warne ich Euch vor: Heute bin ich weder tolerant, vorurteilsfrei noch angemessen ethnologisch wertfrei beobachtend. Ich spreche alles frei heraus und werte ohne Unterlass. Alle meine Lästergedanken der vergangenen Tage. Also:

Ich lästere über die Singapuris. Weil ich das Gefühl habe, dass sie alle von Geburt an in eine einzige Richtung getrimmt werden: Leistung, Geld und Effizienz. Frei nach dem Motto: Hast du Kohle, bist du wer. So versetzte einen Singapuri-Taxifahrer mein Outing, ich studiere Asienwissenschaften, in pures Entsetzen: “No good, no good”, rief er immer wieder, natürlich in makellosem Singlish. “No good study, no money. Only finance and medicine good, lah. You change study. Now.”

Lee Kuan Yew, der Gründervater Singapurs, hat zweifelsohne gute Arbeit geleistet, als er den Stadtstaat vor 45 Jahren zur wirtschaftlich führenden Metropole Südostasiens machen wollte. Heute ist in Singapur der Lebensstandard genauso gut wie in allen westlichen Industriestaaten, vielleicht sogar besser. Und dank seiner fleißigen Bewohner, denen allesamt das Wort “Konsum” auf die Stirn geschrieben zu sein scheint, hat sich das Land am schnellsten von der Wirtschaftskrise erholt. Aber wo ist der Raum fürs Menschsein, für Diskussionen über Politik, Werte und Kultur, wo bleibt hier die Luft zum Atmen?

Ich lästere über die Singapur-Chinesen. Weil sie unfreundlich, unnahbar und rücksichtslos sind. Seit meiner Ankunft habe ich Freundschaft mit zahlreichen Indern, Europäern, Amerikanern, Latinos und gar einem Kirgisen geschlossen. Aber mit keinem Chinesen, obwohl die hier in der Überzahl sind. Mit den gefühlt 500 Chinesinnen in meinem Wohnheim, mit denen ich mir zehn Duschen und einen Kühlschrank teile, habe ich noch nicht ein Wort gesprochen. Sie glucken immer zusammen, okkupieren stundenlang schnatternd die Duschen, die sie dann auch gleich mit Hilfe von Büscheln asiatischen Haars als ihr Territorium markieren.

Sie kochen haufenweise Seafood und allerlei undefinierbares Zeugs, was im Kühlschrank so vor sich hin gammelt und schütten alles nicht gegessene ins Waschbecken, wo es dann Abflussrohre verstopft und penetrante Duftstoffe ausstößt. Außerdem sprechen die Chinesen kein Wort mit den Indern. Die stinken nach Zwiebeln und Knoblauch, verriet mir ein Singapur-Chinese außerhalb des Wohnheims.

Die Chinesen reden kein Wort mit den Indern. Weil sie nach Zwiebeln und Knoblauch riechen.

Auch lästere ich über die Singapur-Inder. Die tragen nämlich in Sachen mobile, aber uneffiziente Kommunikation den Meistertitel. Immer und überall am Handy, werde ich tagtäglich überflutet mit aussagekräftigen SMS wie “Hi … Wassup?”, “Wer r u”, “U tc pls” oder, um es auf den Punkt zu bringen, “K”. Wenn ich nicht binnen Sekunden auf diese SMS antworte, hagelt es sofort mobile Vorwürfe: “U gt soo busy, no time 2 talk”.

Ich versuche immer wieder, den Indern klar zu machen, dass ich beim Entschlüsseln ihrer SMS mehr Zeit benötige als fürs Schreiben eines 20-Seiten-Essays über Totenrituale in Varanasi. Und dass ich nicht immer und überall erreichbar sein will – von wegen Privatsphäre, für sie ein Fremdwort. Mittlerweile war ich immerhin so erfolgreich, dass ich jetzt nur noch fünf statt zehn SMS täglich bekomme. Die aber alle gleichermaßen in Handy-Geheimsprache codiert sind. Ach ja: Die Singapur-Inder sprechen kein Wort mit den Singapur-Chinesen. “I hate the Chinese”, brachte es ein indischer Freund aus Kolkata auf den Punkt. Warum? “They don’t respect us and they’re ugly anyways.” Von wegen Vielvölkerstaat Singapur – viele Völker, ja, aber untereinander haben die Volksgruppen nichts miteinander zu tun.

Zu guter letzt lästere ich, und da schließe ich mich fairerweise doch mit ein, über die Singapur-Deutschen. Die sind nämlich noch deutscher als die Deutschen in Deutschland. Hängen vorwiegend im Brotzeit-Restaurant in der Raffles City Mall herum, beschweren sich über das asiatische Essen und kaufen 8 Dollar teures German Bread im Edel-Supermarkt Cold Storage. Den Deutschen hier macht die Hitze zu schaffen und sie reden seit Tagen von nichts anderem als Schnee und ihrem Rückflug nach Frankfurt, München oder Berlin an Weihnachten. Ich bin mir sicher, dass sie, in Germany angekommen, ihren Verwandten von nichts anderem als der tollen Wärme in Singapur erzählen werden. Von den Palmen, den Regenwäldern und dem Swimmingpool im Garten.

So, genug gelästert. Tat das gut! Versteht mich nicht falsch: So schlimm sind die Menschen in Singapur auch wieder nicht. Manchmal hilft eben das rhetorische Mittel der Übertreibung und ein bisschen Sarkasmus. Im nächsten Eintrag werde ich nicht mehr lästern. Versprochen. 

Frau Angs Prophezeiung

// Melaka, Malaysia. Sie schaut mich konzentriert an, dann tippt sie emsig Zahlen in ihren Laptop. Zwischendurch holt sie ein paar alte, abgewetzte Bücher zur Hilfe. 

Sie sind auf Chinesisch. Ich sitze ihr gegenüber, zwischen uns der gläserne Schreibtisch. Der Raum ist schlicht eingerichtet, die Wände gelb gestrichen. Ein kleiner, elektrischer Brunnen tröpfelt vor sich hin und aus ein paar gläsernen Vitrinen lachen mir Buddha-Figuren entgegen. Es riecht ein bisschen nach Räucherstäbchen. Aber trotz Buddha und Räucherstäbchengeruch hat dieser Ort gar nichts Okkultes an sich!


Tiziano Terzanis Erzählungen über Melaka frisch im Kopf, streife ich kurz vorher mit einem alten Malaysier, dem ganz in der Nähe der Innenstadt ein Guesthouse gehört,  durch die engen Gassen von Chinatown. Ganz nebenbei frage ich ihn, ob er mir einen guten Wahrsager in der Stadt empfehlen kann. In Asien gehören Okkultismus, Astrologie und Wahrsagerei zum Alltag – wer sich dem ganz und gar verschließt, wird diesen Kontinent kaum verstehen!

Und wie hat Terzani, ehemals Asien-Korrespondent für den SPIEGEL, mittlerweile verstorben, so schön geschrieben? “Malakka (Melaka) ist heute die verhexteste Stadt der Welt”. Jahrhundertelang abwechselnd von Malaien, Portugiesen, Holländern und Briten regiert, hat diese Stadt direkt an der Straße von Melaka und nur 250 Kilometer nordwestlich von Singapur, eine der buntesten und auch blutigsten Geschichten Südostasiens. Frei nach Terzani sind hier die verschiedensten Völker aufeinander getroffen, haben sich ineinander verliebt, gegeneinander gekämpft und Handel getrieben. Heute hat Melaka längst nicht mehr die wirtschaftliche Bedeutung von damals. Touristen strömen zahlreich in die Stadt, genießen die traditionelle Baba-Nonya-Küche und knipsen Fotos vom roten “Stadthuys” am Town Square.


Was geblieben ist, ist die Wahrsagerei. Der alte Malaie reagiert überhaupt nicht überrascht auf meine Frage, die aus westlicher Sicht wohl etwas merkwürdig erscheinen mag. “Klar, hier gibt es viele davon”, sagt er freundlich. Da wäre eine gewisse Frau Ang in der Nähe des Jonker Walks. “Die ist gut, ihre Familie macht das schon in der dritten Generation”. Ich hätte ihn genauso gut nach einer Zahnarztpraxis fragen können.


Frau Ang scheint um die vierzig zu sein, trägt sportliche Kleidung und hat ihr schwarzes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden. Da sie nicht gut Englisch spricht, tippt sie während unserer Unterhaltung immer wieder Vokabeln in ihr I-Phone. Mein Alter, meinen Geburtstag und die genaue Zeit meiner Geburt will sie wissen. Plötzlich bin ich ganz aufgeregt – was sie mir wohl gleich erzählen wird? Hoffentlich mehr gutes als schlechtes. Vor ein paar Minuten noch kritisch-belustigt und die ganze Sache nicht so ernst nehmend, bin ich jetzt nervös wie ein kleines Kind, welches etwas ausgefressen hat und nun auf die Reaktion seiner Mutter wartet.


Eine dreiviertel Stunde später weiß ich alles. Dass ich nach chinesischer Zeitrechnung 23 Jahre alt bin und nicht 22, dass mein Sternzeichen deshalb das Kaninchen ist und nicht der Drachen. Dass ich mit 27 heiraten soll und keinen Monat früher, wegen meines hitzigen Temperaments. Dass ich drei Kinder bekommen und mit allem, was ich tue, Erfolg haben werde, wenn ich nur regelmäßig zu meinem Gott bete. Ich weiß jetzt, dass Journalismus kein guter Beruf für mich ist, weil mich dann zu viele, neidische Menschen ausnutzen und hin- und herschubsen würden. Nein, bloß kein Journalismus, ich sollte lieber in der Bank arbeiten oder ein Café aufmachen (Ein Glück, dass ich bei letzterem schon Erfahrungen gesammelt habe).

In meinem letzten Leben war ich sehr arm und habe vor lauter Not das Schwein der Nachbarn gestohlen. Darüber waren meine Eltern so traurig, dass ich mir aus Verzweiflung und Scham das Leben genommen habe. Für mein jetziges Leben bedeute das, so Frau Ang, dass ich meinen Eltern “etwas schulde”. Was genau? Das konnte sie nicht sagen.


Was erwartet mich in den nächsten Jahren?


Darüber hinaus erwarten mich viel Arbeit und Anstrengung im nächsten Jahr und eventuelle Gefahren, wenn ich auf Reisen gehe. Auch hier sollte ich wieder regelmäßig zu meinem Gott beten. Dann würde mir schon nichts passieren. Mit 45 oder 46 Jahren müsste ich besonders auf meine Gesundheit achten, da dann die Wahrscheinlichkeit groß sei, in der Rücken- oder Bauchgegend zu erkranken. Überhaupt sei ich an diesen beiden Stellen hyper sensibel (woher sie das nur weiß … langsam wird’s mir gruselig).


Als mir keine Fragen mehr zu meinem Schicksal einfallen, bedanke ich mich artig und bezahle meine 95 Ringgit – ungefähr 20 Euro, eine stolze Summe für malayische Verhältnisse. Irgendwie verwirrt, aber auch sehr zufrieden verlasse ich die Wahrsager-Praxis und streife durch die geschäftigen Straßen Melakas. Ich bin mir sicher, dass Frau Ang in vielem, was sie mir prophezeite, falsch liegen wird. Aber in manchen Dingen hatte sie auch Recht. Ob sie nun “sehen” konnte oder nicht – sie hat mich dazu gebracht, ein bisschen mehr über mich selbst nachzudenken. 

Jimdo

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